DIN SPEC 91475: Kein ESG ohne Digitalisierung

Geschrieben von
Benedikt
Scholler
Veröffentlicht am
Apr 10, 2024

1. Wo liegen aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen in der nachhaltigen Entwicklung & Bewirtschaftung von Immobilien?

Grundsätzlich sollten Gebäude in Zukunft ökologischer und sozialdienlicher entwickelt werden. Dies bedeutet eben auch, dass wir Neubau hinterfragen und den Bestand viel mehr in den Fokus nehmen müssen. Trotzdem gilt für Neubau, Sanierung und Bestandsentwicklung gleichermaßen: Um hier die Entscheidungen für und in der Zukunft treffen zu können, ist eine hohe Datenverfügbarkeit mit gleichem Standard notwendig. In allen Bereichen sind wir hier leider oft noch am Anfang und im systematischen Aufbau. Über Datenumfang und -standard wird eigentlich immer diskutiert. Aber für die Anforderungen an Kreislauffähigkeit, soziale Qualität, Klimawandelresilienz, Energieeffizienz, Biodiversität etc. benötigen wir die Verfügbarkeit, die Vergleichbarkeit und die Transparenz dieser Daten. Nur so können wir Risiken besser bewerten und Werterhalt ermöglichen.

2. Worin liegt der große Mehrwert der Definition von ESG-Datenpunkten für die ökologische Analyse von Immobilien für Immobilienbranche und -Unternehmen?

Viele in der Immobilienbranche sind im Bereich ESG noch im Finden oder wünschen sich mehr Struktur und klarere Kriterien. Dabei sind die ESG-Inhalte eigentlich klar, nur die Beschaffung, die Analyse und der Umgang damit fällt vielen schwer. Hier setzt der Mehrwert der DIN SPEC 91475 an: Sie schafft Struktur und definiert ESG-Datenpunkte für die ökologische Bewertung. Durch die Datenclusterung und die darin befindlichen Datenpunkte sind die Grundlagen für die Datenordnung und -inhalte geschaffen. Zum Beispiel sind im Bereich Betrieb mit den Energie-Datenpunkten alle Grundlagen gelegt, um den betrieblichen CO2-Footprint des Gebäudes zu bewerten und die Dekarbonisierung im Betrieb zu tracken. Gleiches gilt für die Kreislauffähigkeit und die Ermittlung der grauen Emissionen mit Hilfe der Gebäudedaten aus dem Cluster A – Materialität.

3. Welche Rollen spielen Deiner Meinung nach bereits heute bzw. werden zukünftig digitale Daten für ESG-konformes Immobilienmanagement spielen?

Für mich gilt ganz klar: Kein ESG ohne Digitalisierung. Das Reporting auf Unternehmensebene und die Informationstransparenz gegenüber Anlegern und Banken funktionieren nicht ohne eine ausreichende Datenlage, die entsprechend gemanagt wird. Zusätzlich benötigt es eine standardisierte und umfängliche Datengrundlage, um die ESG-Transformation im Immobilienmanagement wirklich voranzubringen. Keine Sanierung, keine Dekarbonisierung, kein Nachhaltigkeitsreporting ohne systematisches kontinuierliches Datenmanagement. Die Relevanz ist größtenteils erkannt. Das Ganze in eine geordnete Umsetzung zu bekommen ist jetzt die Aufgabe. Einige haben als Pioniere schon Vorteile und ernten jetzt die Früchte des frühen Mutes und entwickeln ihr Management weiter. Die late mover können auf dieser Grundlage aufbauen, geraten aber unter hohen Performance-Druck, hier schnell auf ein höheres Niveau zu kommen. Und auch hier ist wieder der Mehrwert der DIN SPEC 91475 erkennbar: Sie schafft Struktur und definiert ESG-Datenpunkte für die ökologische Bewertung. Gleichzeitig hilft sie dabei allen, die Umsetzung weiter zu strukturieren oder schafft eben eine Basis dafür.

4. Was hat Dich persönlich zur Mitwirkung am DIN SPEC 91475 Entwicklungsprojekt getrieben?

Der Impuls zu meiner Mitarbeit kam durch Jürgen Utz und seiner Überzeugung, wie wichtig Daten, Standardisierung und die Mitwirkung an der DIN SPEC 91475 sind. In der täglichen Beratung und Begleitung der Kunden hatte ich bereits seit Jahren festgestellt, dass Datenbeschaffung, -strukturierung und -verarbeitung vernachlässigt werden aber eben die Grundlage sind, um fundierte Entscheidungen in Richtung Nachhaltigkeit zu treffen. Dahingehend berate ich auch, aber die Mitarbeit an der DIN SPEC 91475 bot die Möglichkeit, an der Vereinheitlichung und Strukturierung mitzuwirken. Bei der Erarbeitung der DIN SPEC 91475 haben zum einen die abendlichen Teams-Sessions mit Jürgen, Jens und Claudius viel Spaß gemacht, da wir unsere praktischen Erfahrungen, vorhandene Standards und Scoring-Modelle zusammengeworfen haben und daraus einen Teil der Systematik und einen Teil der Datenpunkte entwickeln konnten. Zum anderen durfte ich mit Seema und Matthias die Systematik der Betriebsdaten entwickeln. Die Bündelung unserer Erfahrungen aus verschiedensten Blickwinkeln hat hier sehr geholfen.

Am Ende steht jetzt die DIN SPEC 91475 mit einem Vorschlag zur Datensystematik von ESG-Datenpunkte für die ökologische Bewertung. Viele in der Branche hatten sich so eine Systematik gewünscht und wir durften sie entwickeln. Diese Systematik gilt es jetzt weiterzutragen und in die Anwendung zu bringen, um die ökologische Transformation der Immobilienbranche weiterzutreiben. Darauf freue ich mich.

Über
Benedikt
Scholler

Benedikt Scholler, Bereichsleiter Beratung von LIST Eco, ist seit über 15 Jahren beratend und planerisch an der Entwicklung von energieeffizienten, nachhaltigen und kreislauffähigen Gebäuden, Quartieren und Portfolien beteiligt. Er ist Experte für ESG, Energie und Nachhaltigkeit im Immobilienbereich und DGNB-Auditor. Die Mitwirkung an der DIN SPEC 91475 geschah noch in seiner damaligen Funktion als Geschäftsführer der pom+Deutschland GmbH.

Über
List Eco

Die LIST Eco entwickelt ganzheitliche Nachhaltigkeitskonzepte für EU-Taxonomie konforme Immobilien und zukunftsfähige Quartiere. Bei Fragen zu einer langfristigen Nachhaltigkeitsstrategie stehen wir Investoren, Bestandshaltern und Projektentwicklern disziplin- und lebenszyklusübergreifend beratend zur Seite. Dabei führen unsere Spezialist:innen mithilfe von GIS & BIM-basierten Optimierungsverfahren verschiedene Analysen durch – von der Ökobilanz bis hin zur Zirkularitätsbewertung. Ebenfalls gehören alle gängigen Zertifizierungen zum Leistungsportfolio.

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