Think 2030: Datenschätze strategisch heben

Geschrieben von
Heike
Gündling
Veröffentlicht am
Sep 3, 2022

Digitalstrategie und Datenstrategie müssen Hand in Hand gehen

Eigentlich sind sie nicht voneinander zu trennen. Doch vielen Immobilienunternehmen fehlt innerhalb ihrer Digitalstrategie das notwendige Pendant einer Datenstrategie zur zielführenden Nutzung der Daten. Digitale Transformation ist jedoch erst dann zielführend, wenn strukturiert vorliegende Daten das Tor zu neuen Geschäftsmodellen öffnen. Hierfür ist eine Datenstrategie unabdingbar.

Daten sind der Rohstoff der Zukunft, das Gold des 21. Jahrhunderts, das neue Öl etc. Derlei Bilder sind zwar schon hinlänglich bekannt, doch viele Unternehmen scheuen sich weiterhin vor einem strategischen Zugang zu ihren Daten. Ein Grund hierfür liegt nicht zuletzt u.a. auch in der exponentiell wachsenden, unkontrollierbar scheinenden Datenmenge. Bereits 2011 berechnete das weltweit führende Datenanalyse-Unternehmen IDC, dass sich alle zwei Jahre das globale Datenvolumen verdoppelt. Seitdem belegen entsprechende Schaubilder ein kontinuierliches, rapides Wachstum der anfallenden Datenmengen. Ein klares Indiz hierfür ist die mittlerweile aus der Nischenecke herausgetretene Immobilien-Assetklasse „Rechenzentren“. Allein Deutschlands größter Rechenzentrumsstandort Frankfurt (hier befindet sich DE-CIX, der größte Internetknoten der Welt) wuchs – gemessen am Megawatt-Volumen – laut CBRE von 2010 bis 2019 um über 330 Prozent.

Doch die qualitative Nutzung kann mit dem quantitativen Wachstum nicht Schritt halten. Das Dilemma liegt auf der Hand: In einer weltweiten Umfrage des US-Anbieters Splunk gaben von über 2.200 Führungskräften 81 Prozent zu Protokoll, dass eine effiziente Datennutzung von höchster Bedeutung für ihre Unternehmen sei. 57 Prozent gaben jedoch auch an, dass sie mit dem Tempo des Datenwachstums nicht mithalten können. In diesem Zusammenhang ermittelte ein Beitrag der Harvard Business Review von 2021, dass weniger als ein (!) Prozent der unstrukturiert vorliegenden Daten tatsächlich genutzt werden. Nicht strukturierte Daten stehen also de facto nicht zur weiteren Verwendung zur Verfügung, um Prozesse zu verbessern und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen.

Wege zur effizienten Datennutzung

Es ist bereits ein Erfolg, wenn Unternehmen durch digitale Innovationen, Prozesse und Dokumente mehr und mehr Daten generieren. Die jeweilige Digitalstrategie trägt schon Früchte in Form von Kundenanalysen über CRM-Systeme, Datenplattformen für Dienstleister, Vernetzung von immer mehr Geräten oder aktiver Social-Media-Nutzung. Unternehmen erschließen sich durch ihre Digitalstrategie neue digitale Kanäle und generieren hierbei automatisch große Datenmengen. Hinzu kommt ein unerschöpfliches Potenzial aus externen Datenquellen. Ein Quantensprung wird hierbei vor allem der flächendeckende Einsatz des Internet of Things (IoT) sein. Immobilien mit umfänglicher Sensorik sammeln wertvolle Daten für die effiziente Bewirtschaftung des Gebäudes und führen so zu einem höheren Nutzerkomfort.

Doch es wäre fahrlässig, es bei der reinen Datengenerierung zu belassen. Big Data allein generiert noch keine Mehrwerte. Erst durch das so genannte Data Mining, die umfassende Datenanalyse auf Basis zuvor definierter Ziele, schaffen Unternehmen Ordnung in ihren Daten, erkennen Muster und identifizieren weitere Felder für neue Leistungen und weitere innovative Entwicklungen.

Schritte zur Datenstrategie

Eine Datenstrategie ist unternehmensspezifisch und umfasst in der Regel vier Elemente, die sich nahtlos in die Digitalstrategie einfügen sollten. Zunächst gilt es, Ziele zu definieren. Im Immobiliensektor kann beispielsweise eine gezielte Auswertung des Mietverhältnisses ein solcher Ansatzpunkt sein, um das Gebäude optimal zu bewirtschaften, eine hohe Nutzerzufriedenheit zu erreichen und eventuelle Erfordernisse zur Flächenanpassung rechtzeitig zu antizipieren. In einem zweiten Schritt folgt eine Bestandsaufnahme, um herauszufinden, auf welchen „Kanälen“ bereits verwertbare Mieterdaten vorliegen und in welche gemeinsame Struktur sich diese gegebenenfalls einfügen lassen. Dafür notwendig ist die Errichtung einer geeigneten Datenarchitektur, um beispielsweise zu ermitteln, welche spezialisierte Software für das definierte Ziel geeignet ist – natürlich mit Schnittstellenfunktion zum zentralen ERP-System. Zeitlich parallel hierzu erfolgt der vierte Schritt einer rechtlichen Bewertung, um die Sensibilität gewisser Daten richtig einzuschätzen und sowohl den Gesetzes- als auch Compliance-Vorgaben des Datenschutzes gerecht zu werden.

Diese effiziente Datennutzung kann jedoch vergleichsweise rasch an ihre Grenzen stoßen, denn es gilt stets, die jeweilige Datenhoheit zu respektieren. Daten sind daher oft nur in begrenztem Maße ohne Einschränkungen verfügbar. Mieter sind beispielsweise nicht zur Datentransparenz verpflichtet und benötigen Anreize ihrer Vermieter zur Weiterverwendung ihrer Daten. Dasselbe gilt auch für Transaktionen oder gemeinsam genutzte Plattformen, bei denen Käufer, Verkäufer oder Dienstleister nur die vertraglich festgelegten Daten weitergeben. In der Praxis führt dies auf datenstrategischer Ebene zu erheblichen Ineffizienzen wie lückenhaften Datenräumen, Medienbrüchen oder Informations-Ungleichgewichten. Eine mögliche Lösung stellen hierbei Treuhändermodelle dar, bei denen externe Akteure – ähnlich der Verwahrstelle für Fondsvermögen – alle relevanten Daten unter sich vereinen und die Zugriffsberechtigungen wiederum nach klar festgelegten Kriterien vergeben. Im Konfliktfall fungieren sie zudem als Schiedsrichter. Sowohl ein Thesenpapier vom Bundesverband für Digitale Wirtschaft (BVDW) als auch die Datenstrategie der Bundesregierung, beide im Jahr 2021 veröffentlicht, sehen einen konsequenten Ausbau der Datentreuhänderstruktur und damit verbundener Zertifizierungen vor. Ein weiterer Engpass ist die mangelnde Datenexpertise auf Seiten der Immobilienunternehmen, wo beispielsweise Datenwissenschaftler bislang kaum anzutreffen sind. Datenwissenschaftler sind hierzulande weiterhin eine rar gesäte Personalressource: Nur rund 20 Hochschulen in Deutschland bieten aktuell entsprechende Studiengänge an.

Ausblick 2030: Mit Strategie zum Gewinn

Die kommenden Jahre werden sowohl eine wachsende Zahl von Datenexperten als auch die Hebung vorhandener Datenschätze bringen müssen und sei es, dass diese aus dem Ausland bereitgestellt werden. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung sind digitale, vernetzte Plattformen, die sich schrittweise zu branchenübergreifenden Ökosystemen entwickeln. In ihnen werden gemeinsam neue Geschäftsmodelle auf der Basis einer effektiven Datennutzung entwickelt. Denn die Datenhoheit liegt im kooperativen Ökosystem beziehungsweise – in Bezug auf unsere Branche – in der Immobilie selbst. Bereits jetzt ist eine Datenstrategie hierfür unabdingbar, um für künftige Datenkooperationen frühzeitig gewappnet zu sein.

Autorin

Heike Gündling, Managing Director Real Estate, Eucon

Heike Gündling
Über die REAL PropTech

Wie werden innovative Technologien die Bau- und Immobilienwirtschaft verändern? Welche grundlegenden Umwälzungen bringen neue ESG-Regulatorik und frisches Wagniskapital mit sich? Und welche Geschäftsmodelle sind wirklich zukunftsfähig?

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